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Starthilfe im Kellergeschoss
Von
Karsten Packeiser, Moskau.
Davon,
einmal an einer Moskauer Hochschule BWL zu studieren, hätte Milena vor einigen
Jahren nicht einmal träumen können. Als der erste Tschetschenien Krieg begann,
flüchtete das Mädchen aus Grosny nach Moskau. Die Schulen in der russischen
Hauptstadt weigerten sich damals schlichtweg, Flüchtlingskinder aufzunehmen.
Lediglich dem Engagement von Bürgerrechtlern und deren Flüchtlingsschule
verdankt Milena ihren Abschluss.
“Dies
hier war eine zweite Familie für mich”, sagt die Tschetschenin, die ihre
ehemalige Schule nach den Vorlesungen immer noch von Zeit zu Zeit besucht.
Gerade einmal drei Zimmer im Kellergeschoss eines Altbaus in der Innenstadt
sind alles, was für den Unterricht zur Verfügung steht. In den Nachbarräumen
beraten Juristen der Menschenrechtsorganisation “Graschdanskoje
Sodestwije” (“Bürgerhilfe”) Flüchtlinge, die es aus
den Krisenregionen der GUS nach Moskau verschlagen hat.
Mit
Geldern des UNO-Flüchtlingswerks baute der Verein 1996 die Schule auf, die sich
offiziell “Zentrum zur Adaptierung und Unterrichtung von Flüchtlingskindern”
nennt. Kinder aus Tschetschenien, Tadschikistan oder Berg-Karabach erhalten
Einzelunterricht in Mathematik, Russisch und anderen Fächern und werden
psychologisch betreut. “Das Projekt entstand eher zufällig”, erzählt die
Schuldirektorin Jekaterina Kokorina, “als eine
Mitarbeiterin begann, den Kindern Märchen vorzulesen, damit ihre Eltern während
der Sprechstunde in Ruhe ihre Nöte vortragen konnten.”
Derzeit
können 18 Schüler von dem Zentrum betreut werden, für mehr reicht der Platz
nicht. Inzwischen arbeiten auch die früher bezahlten hauptberuflichen
Mitarbeiter ehrenamtlich, weil das UNHCR seine
Geldhilfen kürzte.
Seit
der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow vor
einigen Jahren sein Verbot zurückzog, können auch Flüchtlingskinder ohne
offizielle Registrierung wieder städtische Schulen besuchen. Seitdem sind die
engen Kellerräume nicht mehr Schulersatz, sondern eine für viele immer noch
notwendige Ergänzung, denn manche der Kinder haben mehrere Jahre lang keine
Schule von innen gesehen und leiden noch immer schwer unter ihren
Kriegserlebnissen.
Auch
in Moskau sind die Lebensverhältnisse für die meisten Flüchtlinge aus
Tschetschenien alles andere als luxuriös. In der Regel mietet sich eine
Großfamilie eine billige Einzimmer-Wohnung am Stadtrand, in der dann bis zu 15
Menschen hausen. „Die Eltern der meisten Kinder haben keine feste Arbeit“, sagt
Kokorina, „sondern schlagen sich mit Gelegenheitsjobs
durch.“ Immerhin sprechen die meisten fließend russisch, da im
Vorkriegs-Tschetschenien fast alle Jungen und Mädchen russischsprachige Schulen
und Kindergärten besuchten.
Die
Direktorin betont, dass es ihrem Zentrum nicht um gute Schulnoten gehe, sondern
darum, den Kindern zu helfen, sich in der neuen Umgebung einzuleben. Dennoch
sind alle Beteiligten von dem Lerneifer ihrer Schützlinge fasziniert. “Es hat
mich überrascht, dass alle Kinder ehrgeizige Zukunftspläne haben”, meint die
Amerikanerin Katie Brown, die in dem Zentrum Englisch unterrichtet und nebenbei
eine Diplomarbeit über Flüchtlingsprobleme in Russland vorbereitet. “Alle
wollen Ärzte oder Journalisten werden”, erzählt sie.
(epd)
Rufo, 09-02-2004 Neue Reportagen
Stand
08-2004.