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Das Lächeln stirbt zuletzt
Wie eine russische Organisation tschetschenischen Flüchtlingskindern hilft
MDZ 18-03-2003

 

Stefan Bruder
Bild: Autor

Viele Tschetschenienflüchtlinge suchen ihr Heil in der relativen Wohlstandsinsel Moskau. Doch dort sind sie alles andere als willkommen. Ohne amtliche Registrierung haben sie weder Recht auf finanzielle Hilfe, ärztliche Versorgung noch auf Schulausbildung. Eine russische Hilfsorganisation versucht diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

„Salam aleikum“ – Friede sei mit dir – ruft der kleine Rachman mit den schwarzen Haaren grinsend seinen zwei Freunden zur Begrüßung zu, die ihm ihrerseits etwas auf Tschetschenisch erwidern. Schnell gesellen sich Hamsa und Achmed hinzu. Endlich sind sie wieder unter sich. Für ein paar Stunden ist der graue Alltag, die bedrückende Enge der kalten Einzimmerwohnung am Stadtrand und die Angst, von der Miliz während der zweistündigen Fahrt ins Zentrum aufgegriffen zu werden, vergessen.

Für rund dreißig Flüchtlingskinder, meist aus Tschetschenien, aber auch aus Armenien, Aserbaidschan und Abchasien, ist die russische Hilfsorganisation „Bürgerhilfe“ eine Oase zum Aufatmen. Das kleine Büro im Untergeschoss der Dolgorukowskaja-Straße ist für sie ein Treffpunkt, wo sich engagierte junge Leute zweimal die Woche um die Kinder kümmern, mit ihnen spielen und Hausaufgaben machen. Für ihre Eltern, mittellose Flüchtlinge aus den kaukasischen Krisengebieten, ist die kleine unbürokratische Hilfsorganisation die einzige Anlaufstelle in Moskau, wo sie Hilfe erfahren, wenn alle Behörden versagt haben.

„Die Bürgerhilfe hat zwei verschiedene Funktionen für die Flüchtlingskinder“, erklärt Katja Kokorina, die Verwalterin des gemeinnützigen Vereins zur Unterstützung von Flüchtlingen und Vertriebenen. „Einerseits geben wir den Kindern Nachhilfe, weil sie in der Schule nicht hinterher kommen, andererseits helfen wir ihnen, nach dem erlebten Kriegstrauma sich neu zurecht zu finden.“ Der Andrang ist so groß, dass die Kinder auf Wartelisten gesetzt werden müssen. Dementsprechend voll besetzt sind die wenigen Zimmer. Improvisation heißt das Zauberwort. Überall wird unterrichtet, gespielt, beratet und verwaltet – selbst der Flur und der Eingangsbereich des unscheinbaren Büros bleiben nicht ungenutzt.

Martin Wählisch, ein Freiwilliger aus Deutschland, kümmert sich hier um vier Flüchtlingskinder, darunter auch um die 14-jährige Hedda aus Grosnyj. Seit September 2001 leistet er seinen „Anderen Dienst im Ausland“ – wie die Zivildienstalternative offiziell heißt – in der russischen Hauptstadt. Für 18 Monate hat er eine herkömmliche Stelle in Deutschland mit der Herausforderung tschetschenischer Flüchtlingsprobleme ausgetauscht. „Wir würden gerne viel mehr aufnehmen, aber das ist einfach unmöglich“, erklärt der 20-jährige Berliner und schaut sich dabei in dem etwas chaotisch anmutenden Büro um. „Es ist ein Tohuwabohu hier, aber es ist immer noch besser als gar nichts“, beklagt er die Enge.

Hedda ist ein zierliches Mädchen mit langen dunklen Haaren und traurigen Augen. Vor drei Jahren ist sie mir ihrer Familie aus Tschetschenien geflüchtet. Was genau sie wirklich dort erlebt hat, weiß auch ihr Betreuer nicht. Sehr zurückhaltend wirkt sie auf Außenstehende. Auf die Frage, wie es ihr in Moskau gefällt, antwortet sie mit einem kurzen „normalno“. Doch ab und zu tritt ein Lächeln zum Vorschein, wenn der Deutsche im Englischunterricht mit ihr scherzt.

„Wir sorgen dafür, dass alle Kinder hier etwas zu essen und warmen Tee bekommen, denn zu Hause werden sie nicht immer satt“, erklärt Wählisch. Viele der Kinder haben Lern- und Konzentrationsschwächen, was auf monatelanges Verstecken, schockierende Erlebnisse und eine abenteuerliche Flucht aus dem Kriegsgebiet im Kaukasus zurückzuführen ist, mutmaßen die Helfer. Dass dieses Trauma nicht einfach überwunden ist, sobald die Kinder nach Moskau gelangen, ist offensichtlich.

Die „Bürgerhilfe“ ist die älteste und aktivste Organisation, die sich derzeit um die Probleme der Flüchtlinge in Russland kümmert. Von ihr erhalten sie Ratschläge in juristischen Fragen, psychologische Krisenberatung, Kleiderspenden und ein offenes Ohr. „Und noch etwas bezeichnet das Zentrum: Russen helfen Tschetschenen“, hebt Wählisch hervor, für den es dabei um mehr als bescheidene materielle Hilfe für die Flüchtlinge geht, sondern um den Versuch, den Teufelskreis von Hass und Gewalt zu durchbrechen. „Diese Kinder bekommen ein ganz anderes Weltbild vermittelt, die werden viel weltoffener“, meint er hoffnungsvoll.

Das größte juristische Problem für die Flüchtlinge ist zweifellos die Rechtsunsicherheit, in der sie sich befinden: Ohne Registrierung haben sie keinerlei Anspruch auf medizinische Versorgung, Arbeit und Schulbildung. „Das Problem besteht darin, dass sie nicht als Flüchtlinge im eigentlichen Sinne gelten“, meint Matthew Scott, ein Freiwilliger aus Kalifornien. Offiziell handle es sich bei ihnen um „Vertriebene“, weil sie keine internationale Grenze überschritten hätten, erklärt der 24-Jährige, der seit Herbst vergangenen Jahres Erfahrungen mit der Betreuung von Flüchtlingen sammelt. Sein Fazit: „Ob sich die Kinder in zehn Jahren noch daran erinnern werden, dass jemand mit ihnen Englisch gepaukt hat, ist nicht so wichtig. Aber sie werden sich sicherlich daran erinnern, dass jemand gut zu ihnen war und sich um sie gekümmert hat“. Das sieht auch sein Kollege Wählisch so und fügt hinzu: „Ich hoffe, dass das Zentrum irgendwann mal überflüssig wird, damit die Kinder ihre Zukunft so aufbauen können, wie sie wollen.“ Denn ein Ende des Tschetschenienkrieges würde den Kindern mehr helfen, als alles andere. Da sind sich die Helfer einig.

 

Moskauer Deutsche Zeitung, MDZ 18-03-2003

 

 

 

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Stand 08-2004.