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"Schule wegen Krieg geschlossen" - Ein deutscher Zivildienst-Leistender gibt in einer Flüchtlingsschule in Moskau Nachhilfeunterricht in Englisch

Bonn, 16.6.2004, DW-RADIO, Erik Albrecht, aus Moskau

Kinder zählen fast immer zu den Verlierern von Kriegen. Sie können oft nicht zur Schule gehen und das, was sie erlebt haben, erschwert es ihnen, das versäumte schnell aufzuholen. In Russland gibt es für Kinder aus Tschetschenien kaum psychologische Betreuung vom Staat. Dafür hilft die Moskauer Organisation "Bürgerhilfe". Obwohl das Geld oft kaum reicht, die Miete zu bezahlen, bieten ihre freiwilligen Helfer tschetschenischen Kinder das, worauf sie oft Jahre verzichten mussten: Schulbildung. Auch ein deutscher Zivildienstleistender gibt in der Schule Nachhilfeunterricht in Englisch. Erik Albrecht hat die Flüchtlingsschule in Moskau besucht:

Dienstag Nachmittag, im Keller eines Moskauer Hinterhauses. Eigentlich übt Rachmin heute englische Fragesätze. Doch gerade hat er vergessen, was 13 auf englisch heißt, und da muss er eben durchzählen.

Rachmin kommt fast jeden Nachmittag in die Flüchtlings- und Migrantenschule - zur Nachhilfe. In den Kellerräumen der Schule ist es eng. Selbst auf den Gängen stehen noch Tische und Stühle. Sind alle Räume belegt, findet die Nachhilfe eben auf dem Flur statt. Heute hat Rachmin später als die anderen angefangen; da muss er die englischen Fragesätze auf dem Gang üben.

Rund vierzig Kinder im Alter von neun bis 15 lernen hier Russisch, Mathe und Englisch. Die meisten von ihnen sind Tschetschenen. Viele waren mehrere Jahre gar nicht in der Schule, bevor sie hierher gekommen sind, so Schulleiterin Katja Korokina:

"Die Schulen waren wegen des Krieges einfach geschlossen. Als ihre Familien dann nach Moskau gezogen sind, war es zunächst schwer, sich hier zurechtzufinden. Die Ausbildung der Kinder war da bei weitem nicht das größte Problem. Selbst heute sind noch viele Eltern so damit beschäftigt, ihre Familien zu ernähren, dass sie sich nur wenig um Schulfragen kümmern können. Das ist einfach nicht überlebenswichtig."

1996 hat die gemeinnützige Organisation "Graschdanskoje Sodejstwije", auf deutsch "Bürgerhilfe", die Flüchtlingsschule gegründet. Damals, der erste Tschetschenien-Krieg war kaum zuende, war die Situation für tschetschenische Flüchtlinge in Moskau katastrophal. Obwohl sie offiziell russische Staatsbürger sind, waren die meisten von ihnen illegal in der Hauptstadt. Und ohne Registrierung nahm keine Moskauer Schule die Kinder auf. Die "Bürgerhilfe" bot mit ihrer Flüchtlingsschule eine Alternative zum staatlichen Schulsystem. Seit 2002 dürfen die Jugendlichen in staatliche Schulen gehen, doch damit wurde die Flüchtlingsschule längst nicht überflüssig, so Katja Korokina:

"Viele Kinder mussten schlimme Erlebnisse verarbeiten und haben dadurch psychische Probleme. Deshalb finden sie sich in der Schule oft nur schwer zurecht. Sie können sich schlecht konzentrieren und sich schwer Dinge merken. Manche waren aber auch so lange nicht mehr in der Schule, dass sie einfach vergessen haben, wie man lernt."

Das merkt auch Robert Kusche aus Berlin, der in der Flüchtlingsschule Zivildienst macht. Zweimal die Woche gibt er Nachhilfe in Englisch. Sein Schüler Rachmin spricht kaum Englisch, obwohl er die Sprache schon seit zwei Jahren lernt. Robert wiederholt meist die einfachsten grammatischen Grundlagen mit ihm:

"Rachmin ist sitzen geblieben ... und das frustriert ihn natürlich ganz schön und das ist natürlich auch nicht gut für seine Motivation. Er ist unkonzentriert, er hat keine Lust und ich glaube, das hängt schon auch damit zusammen, mit den Erlebnissen, die sie ja hatten einfach."

Und auch in Moskau ist ihr Leben nicht einfach: Die meisten wohnen in den Hochhaussiedlungen am Rande der Stadt, oft mit drei Generationen zusammen in einer engen Wohnung. Von ihren Eltern müssen sie immer wieder erfahren, dass Tschetschenen nicht wirklich willkommen sind in der russischen Hauptstadt. Es ist schon fast Alltag in der Moskauer Metro, dass die Miliz Pässe von Menschen mit kaukasischem Aussehen kontrolliert. Besonders schlimm ist es, wenn in Moskau ein Terroranschlag verübt worden ist, so Robert Kusche:

"Da haben viele Frauen erzählt, dass sie froh sind, dass sie einen Abend nicht gefilzt worden sind und einen Abend nicht auf der Milizstation verbracht haben. Also bei den Kindern ist es nicht so ein Problem. Die werden nicht so angehalten, aber die Eltern haben natürlich Angst. Also sie sagen, an bestimmten Tagen sollen sie nicht rausgehen."

Das sind vor allem Feiertage, die rechtsradikale Schläger oft nationalistisch verklären. In manche große Moskauer Parks fahren die Jugendlichen erst gar nicht aus Angst vor Übergriffen. Doch selbst auf dem Spielplatz hinter der Schule hat ein Schläger schon einen der Schüler verprügelt - sie hatten tschetschenisch untereinander gesprochen.

Der Umgangston ist rau in der Flüchtlingsschule. Die Jugendlichen sind es gewöhnt sich zu behaupten. Doch Robert Kusche beobachtet bei seiner Arbeit immer wieder:

".....dass dadurch echt viele auch besonders stark geworden sind. Gerade von den Älteren. Die haben trotzdem viel erreicht, oder wollen viel erreichen, haben Ziele, Wünsche, Vorstellungen. Und ich glaube, dass ist schon eines der großen Ziele und Erfolge, die dieses Projekt auch aufweisen kann, dass sie gerade jungen Leuten und Schülern Perspektiven gibt."

Rachmins Unterricht ist mittlerweile fast vorbei. Er ist schon müde, sich zu konzentrieren fällt ihm schwer. Um ihm noch ein Erfolgserlebnis zu geben, übt Robert zum Schluss mit ihm längst bekanntes: Englische Artikel. Und dann wartet auch schon der Tee im Gemeinschaftsraum. (lr)

 

Deutsche Welle, 17.06.2004

 

 

 

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Stand 08-2004.