:. Artikel

 

In jedem Lachen steckt ein Weinen

Ein Berliner Zivi unterrichtet in Moskau tschetschenische Flüchtlingskinder

 

Von MARKO T. HINZ und IGOR GAVRILOV (Fotos)

 

Der Berliner Martin Wählisch, 20, hätte es sich einfach machen können. Aber nein, er musste unbedingt nach Moskau, Flüchtlingskindern helfen. Zu Hause hätte er einfach den Wehr- oder Zivildienst ableisten können, für zehn oder zwölf Monate seines Lebens. Führerschein, bezahlte Kurse an der Volkshochschule und Zuschuss zum Brillengestell inklusive. Aber das bequeme Leben ist nichts für den quirligen Lichtenberger. Er wollte helfen, richtig helfen, und dabei ein fremdes Land entdecken. Martin ist für 18 Monate nach Moskau gefahren, so lange dauert der im Amtsdeutsch "anderer Dienst im Ausland" genannte Ersatzdienst. Er arbeitet in der Hilfsorganisation "Bürgerhilfe", die zumeist tschetschenische Flüchtlinge und Vertriebene betreut. Martin treibt Spendengelder auf, organisiert, übersetzt Texte. Und er unterrichtet dort Kinder.

Eines dieser Kinder, das hier Nachhilfeunterricht bekommt, ist die 15-jährige Schahadat. Familie und Freunden nennen sie nur Schada. Ihr mit rosa glänzendem Lippenstift bemalter Mund verzieht sich oft und gern zu einem fröhlichen Lachen. Schada ist die älteste von vier Geschwistern. "Ob ich einen Freund habe? Nein, was soll ich mit dem!" Ein ganz normaler Teenager. Mit einem Unterschied: Schahadat kommt aus Tschetschenien. Aus einem Land, in dem seit Oktober 1999 wieder einmal ein blutiger Krieg tobt, in dem Bewaffnete sterben, aber noch mehr Zivilisten.

Wie Schahadats Vater. Er wurde von einer Kugel getroffen, einfach so. Weil er in Grosny die Straße entlang lief, während links und rechts russische Soldaten und tschetschenische Rebellen aufeinander schossen. Wenn Schahadat die Geschichte ihres Vaters erzählt, lacht sie nicht mehr. Ihre großen Augen sind voller Tränen.

Martin Wählisch kennt viele solcher Geschichten. Kriegsgeschichten, von Kindern erlebt. "Fast jedes Kind hier kann von toten Verwandten und einem zerstörten Zuhause erzählen." Für den jungen Berliner, der nach seinem Ersatzdienst Jura studieren will, ist dieser Dienst nicht irgendein Job. "Ist es denn Arbeit, wenn ich mich mit den Kindern auch nach dem Unterricht unterhalte? Ist es Arbeit, wenn ich von den Eltern der Kinder nach Hause eingeladen werde und mit der Familie esse?" Betrieben wird die Nachhilfeschule von der "Bürgerhilfe", einer gemeinnützigen Organisation, die von Spenden- und UN-Geldern lebt. Der UN-Flüchtlingskommissar gibt gerade mal 400 Dollar im Monat, letztes Jahr waren es noch 50 bis 70 Dollar mehr. Gebraucht werden mindestens 1200.

Trotz dieser geringen Mittel wird den tschetschenischen Flüchtlingen mit allem geholfen, was sie in ihrer neuen Heimat brauchen. Rechtsberatung, Begleitung bei Behördengängen. Kleidung, Hilfe bei Wohnungs- und Arbeitssuche. Ein Arzt hält kostenlos Sprechstunde in einem der kleinen Kellerzimmer. Eine Psychologin ist da, wenn man sie braucht. Und sie wird gebraucht.

Ein Junge stürmt in die engen Kellerräume, will sofort Martin sprechen, weint. Es ist Schahadats Bruder Islam, 13. Gerade haben die Verwandten aus der kriegsgeplagten Bergrepublik mit einer schlimmen Nachricht angerufen. Der Onkel ist tot. Russische Soldaten haben ihn von zu Hause verschleppt, zum zweiten Mal innerhalb von Tagen. Wieder einmal ohne Anklage. Einfach, weil er Tschetschene ist und deshalb grundsätzlich verdächtig. Schon nach den Schlägen im ersten Verhör war Schadahats und Ramsans Onkel sehr geschwächt, konnte eine Weile nicht laufen. Die Männer der russischen Armee haben ihn verprügelt und darüber hinaus gezwungen, sich nackt auszuziehen. "Meine Verwandten sagen, dass sich der Onkel bei Eiseskälte noch nach Hause geschleppt hat", erzählt Ramsan. "Da ist er dann gestorben." Im eigenen Bett, an Unterkühlung, die russische Armee musste nicht mal seine Leiche beseitigen.

Viele der Kleinen konnten durch den Krieg jahrelang keine reguläre Schule besuchen. Zu Hause in Tschetschenien sind die Schulhäuser zerstört, die Moskauer Behörden weigerten sich bis letztes Jahr, diese Kinder zum normalen Unterricht zuzulassen. Für viele Russen sind tschetschenische Kinder keine Jungen und Mädchen wie andere, sondern kleine Terroristen. Durch die Flucht haben die "Bürgerhilfe"-Kinder oft Konzentrationsschwächen, müssen viel Unterrichtsstoff aufholen. Martin Wählisch unterrichtet sie in Englisch, passt auf das Kleinvolk auf, tobt mit ihnen durch die engen Kellerräume. Schenkt ihnen sein jungenhaftes, verschmitztes Lächeln. Und er hört seinen Schützlingen zu, weiß, was sie durchmachen mussten. Die selbst gewählte Aufgabe heißt, Lehrer, Freund und großer Bruder in einem zu sein. Den größten Wunsch der Kinder kann aber auch er nicht erfüllen: dass der Krieg aufhört, und dass sie wieder in die Heimat zurück können.

Bildunterschrift:

Zuhören - eine der wichtigsten Aufgaben von Martin Wählisch (o.r.). Die Kinder und Teenis aus Tschetschenien haben oft traumatische Erlebnisse hinter sich, müssen den Tod von nächsten Angehörigen verkraften. Uns erscheinen die Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge in Moskau untergebracht sind, beengt und ärmlich (l.). Doch Rosa Elpijewa und ihre Kinder Marcha, Ansor, Petimet und Selim sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. In ihrer Heimat steht kein Stein mehr auf dem anderen

Regelmäßige Mahlzeiten, Poster von Pop-Stars an der Wand - viele tschetschenische Familien lernen hier das erste Mal so etwas wie Normalität kennen (o.)

Gemeinsam Kochen, Essen, Lernen, Lachen. Dank der Hilfsorganisation "Bürgerhilfe" können die Flüchtlingskinder ein Leben wie ganz "normale" Gleichaltrige führen

 

BZ vom 09.03.03, Seite 16

Download der Seite als PDF: http://bz.berlin1.de/archiv/030309_pdf/16.pdf

 

 

 

< ZURÜCK

 

 

Stand 08-2004.